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Zucht 15 Mai 2018

Hybride Kartoffeln aus botanischem Saatgut: Chance oder Gefahr?

Es wird gerade viel über Kartoffeln und ihre aufsehenerregende Entwicklung gesprochen. Die Rede ist von hybriden Kartoffeln, die sich einfach aussäen lassen. HZPC ist an dieser innovativen Forschung an vorderster Front beteiligt.

Die Kartoffel ist durch die Veredlung zu einer der erfolgreichsten Nutzpflanzen geworden und kann dank einer beträchtlichen Sortenvielfalt mit hohem Ertrag angebaut werden. Die Entwicklung neuer Sorten mit konventionellen Methoden gestaltet sich jedoch ausgesprochen langwierig.

Die Forschung widmet sich derzeit einer neuen Veredelungsmethode, die Vielversprechendes bereithält. Untersucht wird die sogenannte Hybridisierung von Kartoffeln, wobei die Kultivierung direkt aus dem Saatgut erfolgen kann – etwas, das bislang als unmöglich galt.

“Testergebnissen zufolge eröffnet diese Veredelungsmethode neue Möglichkeiten.”


„Dieser Ansatz zur Veredelung ist bei Kartoffeln noch völlig neu. Wir verfolgen diese Entwicklung mit Spannung und begrüßen die neuen Möglichkeiten, die sich dadurch eröffnen, um den genetischen Prozess zu beschleunigen und besser zu kontrollieren, wie etwa durch verbesserte Eigenschaften“, so Robert Graveland, Leiter der F&E.

2011 nahm HZPC seine umfassende Forschungsarbeit zu diesem neuen Ansatz auf. Im vergangenen Jahr wurden die ersten Testhybriden in Feldversuchen angebaut. Die erste Ernte sei sehr aufregend gewesen, sagte Projektleiter Ad Vrolijk, „[und] wir sind mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Bestimmte Kombinationen zeigten unter anderem die gewünschte Heterose. Das bedeutet, dass die Leistungen und Erträge die der Elternpflanzen übertreffen.“

Es bedeutet auch, dass diese Technologie sich bereits von Grund auf bewährt hat. HZPC hat daher beschlossen, die Forschung zu dieser innovativen Veredelungsart auszudehnen.

“Bis zur Marktreife ist
es noch ein weiter Weg.”

Die Experten weisen jedoch darauf hin, dass nach wie vor ein langer Weg zu bestreiten ist. Ad Vrolijk erklärt: „Der Prozess wirft nach wie vor viele Fragen auf, die wir noch beantworten müssen. Bis die erste hybride Kartoffel auf den Markt kommen kann, wird es noch Jahre dauern.“

Die größte Hürde ist der Ertrag der Hybriden, der noch deutlich geringer ist als der gegenwärtigeren Sorten. HZPC rechnet damit, frühestens um 2021 einen bewährten Prototyp vorzeigen zu können, der einige Jahre später verkaufsfähig wäre. Der Startschuss wird in Entwicklungsländern in Zentralafrika und Asien erfolgen, wo der Ertrag unter 40 Tonnen pro Hektar liegt: „Die Produktion lässt sich durch die Verwendung von Hybriden ebenfalls rasch verbessern."

Hybriden sind gegenüber unseren besten Sorten noch stark im Nachteil.

Wann wird es eine hybride Kartoffel in den Niederlanden geben? Graveland zufolge ist es nur eine Frage der Zeit. „Wer weiß? Vielleicht so um 2035. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass diese Entwicklung in der Zukunft deutlich rascher voranschreitet, als derzeit abzusehen ist. Doch wir haben bereits jetzt ein Spitzensegment mit hervorragenden, ertragreichen Sorten. Auch die konventionelle Veredelung entwickelt sich durchaus stetig weiter. Bei den Hybriden besteht noch gewaltiger Aufholbedarf.“

HZPC hält langfristig auch eine Verwendung von botanischem Saatgut für möglich. Die Vermehrung ist mit solchem Saatgut deutlich schneller möglich als mit Pflanzkartoffeln. Zudem sind Transport und Lagerung einfacher. Mit einem verkaufsfähigen Prototyp zur Direktsaat ist allerdings nicht vor 2025 zu rechnen.

“Es wird immer einen Bedarf
an hochqualitativen
Pflanzkartoffeln geben.”

Zudem ist äußerst fraglich, ob botanisches Saatgut Pflanzkartoffeln überhaupt ganz ersetzen wird. Graveland rechnet auf absehbare Zeit nicht damit und „sicherlich nicht in landwirtschaftlich modernen Regionen wie Nordeuropa und Nordamerika“.

Ein austariertes System mit botanischem Saatgut könnte die Kultivierung von Pflanzkartoffeln überflüssig machen. In vielen Ländern dauert die Wachstumsperiode jedoch nicht lange genug, um vollständig ausgewachsene Pflanzen aus Direktsaat anzubauen. Ad Vrolijk dazu: „Die Verwendung von botanischem Saatgut ist nur bei ausreichend hohen Temperaturen möglich. Knollen lassen sich hingegen sehr viel früher setzen. Pflanzkartoffeln zeichnen sich darüber hinaus durch eine höhere Wachstumskraft aus als Direktsaat – und Zeit ist Geld.“

Der Projektleiter hält das Forschungsprogramm für vielversprechend. „Es stellt eine bedeutende Innovation dar, die HZPC strategisches Wachstum in neuen Märkten ermöglicht. Wir hoffen, unsere Sorten mit dieser Methode langfristig verbessern und ersetzen zu können.“

Eine Unruhe am Markt sei dennoch nicht zu erwarten. Die Entwicklungen werden für Händler und Züchter von Pflanzkartoffeln vorerst kaum bemerkbar sein. „Wir rechnen nicht mit plötzlichen Veränderungen in diesem Sektor. Und obwohl wir in der Zukunft auf Hybride und, in bestimmten Bereichen, auf botanisches Saatgut setzen werden, wird es immer einen Bedarf an hochqualitativen Pflanzkartoffeln geben.“

Was ist hybride Veredelung?
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Eine hybride Kartoffel ist eine Kreuzung aus Inzuchtlinien. Dafür werden Vater- und Mutterpflanzen gekreuzt. Die daraus hervorgehenden Samen stellen die neue Sorte dar.

In der Natur bedeutet jeder Kartoffelsamen eine andere einzigartige Pflanze, eine andere Knolle. Die Hybridisierung bezweckt, Saatgut zu gewinnen, aus dem Pflanzen mit gleichem Aussehen und gleichen Merkmalen entstehen.

Diese Methode wird bereits sehr erfolgreich zur Veredelung zahlreicher Gemüsearten und Feldfrüchte, wie Zuckerrüben und Mais, eingesetzt. Bei Kartoffeln gestaltet sich das jedoch sehr viel schwieriger, da das „Kartoffelgenom“ mit einer Reihe von Eigenschaften einhergeht, die sich negativ auf die Produktion auswirken. Diese Veredelungsmethode ist vor allem deshalb von Vorteil, da sie mehr Kontrolle über die Vererbung von Eigenschaften ermöglicht.

Dadurch verbessern sich auch Management und Auswahl. So ist es bei Hybriden beispielsweise einfacher, die Vererbung von Krankheitsresistenzen und den Vitamingehalt vorherzusagen. Die Produktions- und Markteinführungszeit werden darüber hinaus enorm verkürzt: Eine neue Sorte kann so erheblich schneller auf den Markt kommen.

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